- Multi-Device, aber mit klaren Primärszenarien:
- Ein 10-Meter-Wanddisplay braucht starke Kontraste, großflächige Zustandsindikatoren und kaum Interaktion. Ein 7-Zoll-Tablet in der Werkhalle braucht dicke Treffflächen, Offline-Fähigkeit und klare Zeilenabstände. Entwickeln Sie Layouts pro Primärgerät – responsive allein reicht nicht.
4) Sicherheitskritische Interaktionen: Verhindern, nicht erklären
In gefährlichen Kontexten ist Prävention wichtiger als nachträgliche Erklärungen:
- Stufenweise Freigabe:
- Kritische Aktionen benötigen eine zweistufige Bestätigung mit Kontext: erst “prüfen”, dann “ausführen”. Zwischen den Stufen wird das System gesperrte Interlocks, Abhängigkeiten und Folgewirkungen anzeigen.
- Einfache “Sind Sie sicher?”-Popups sind nutzlos. Verlangen Sie einen Grund bei Abweichung von KI-Empfehlungen oder Standardprozeduren. Der Grund sollte aus einer domänenspezifischen Liste gewählt werden, um spätere Auswertungen zu ermöglichen.
- Sichtbare Zustandsmodi:
- “Automatik”, “Handbetrieb”, “Fernsteuerung” sind Primärzustände und werden dauerhaft im Kopfbereich angezeigt, mit klarer Farbe, Symbolik und – wichtig – mit den aktuell geltenden Einschränkungen (“Handbetrieb: max 30% Leistung”).
- Aktionen nur, wenn Voraussetzungen erfüllt:
- Buttons werden nicht versteckt, sondern deaktiviert mit detaillierter Liste der fehlenden Voraussetzungen (z. B. “Sicherheitskreis S3 offen”, “Temperatur > 40°C”). Jeder Punkt ist verlinkt zur Diagnoseansicht.
- Zeit als Schutzmechanismus:
- Ein definierter Verzögerungs-Timer vor Ausführung kritischer Befehle erlaubt letzte Prüfungen und Abbruch. Die verbleibende Zeit wird sichtbar heruntergezählt, inklusive Hinweis, welche Sensoren überwacht werden.
- Notfallpfad ohne Rätsel:
- Der Not-Aus ist physisch. Im UI braucht es dennoch einen “Sicherer Zustand”-Pfad, der die Anlage in eine definierte Konfiguration bringt. Dieser Pfad muss nicht gesucht werden: Primäraktion, immer sichtbar, klar benannt.
5) Industrielle Accessibility: Handschuhe, Staub, Sonnenlicht
Accessibility bedeutet hier: unter rauen Bedingungen zuverlässig bedienbar.
- Handschuhe und Treffflächen:
- Bedienelemente in mobilen UIs benötigen großzügige Zielgrößen und Abstände. Kleine Icons werden in Panels zusammengefasst, statt als Einzelziele gestreut. Slider sind Handschuh-Killer; lieber stufige Tasten mit Plus/Minus.
- Unterstützen Sie Hardware-Tasten dort, wo möglich: Kamera auslösen, Zustände quittieren, Modus wechseln. Mapping klar im UI anzeigen.
- Licht und Kontrast:
- In heller Umgebung sind helle Oberflächen mit dunkler Typografie oft besser lesbar als umgekehrt. Bieten Sie einen Schnellwechsel für Helligkeit/Kontrast, der global und pro Anwendungsebene wirkt.
- Farbe niemals als alleiniger Träger für Bedeutung verwenden. Formen, Muster und Textlabels doppeln kritische Zustände.
- Staub und Verschleiß:
- Kritische, häufig genutzte Zonen liegen nicht am Rand des Screens, wo Dichtungen und Rahmen den Touch verfälschen können. Wichtige Aktionen haben großzügige “Hit Areas”.
- Lärm:
- Akustische Alarme immer mit visuellen Mustern (Blinkmuster, Laufschriften) koppeln. Integrieren Sie Vibrationsfeedback, wenn Geräte das unterstützen – aber setzen Sie nicht darauf als einzige Modalität.
- Sprache und Terminologie:
- Begriffe sind domänenspezifisch, kurz, eindeutig. Tooltips sind kein Ersatz für klare Bezeichnungen. Konsistenz schlägt Kreativität.
6) LLM-Agenten in der Praxis: Governance sichtbar machen
KI-Assistenten, die Werkaufträge generieren, Parameter vorschlagen oder Dokumente durchsuchen, brauchen ein anderes UI als Chat-Widgets. Nötig ist ein “Operable Agent UI”:
- Plan, Schritte, Genehmigung:
- Der Agent zeigt einen geplanten Ablauf als Schritte mit Parametern, benötigten Berechtigungen und geschätzter Dauer. Der Bediener kann Schritte genehmigen, anpassen, überspringen. Ausführung erfolgt Schritt für Schritt mit Zwischenfeedback.
- Guardrails als Erstbürger:
- Das UI zeigt, welche Richtlinien aktiv sind (z. B. “Kein externer Netzwerkzugriff”, “Nur Lesen in Datenbereich A”). Wenn der Agent an eine Grenze stößt, wird das als erklärter Blocker gezeigt, nicht als Fehler.
- Datenherkunft und Gültigkeit:
- Jede verwendete Quelle wird mit Herkunft, Zeitstempel und Gültigkeitsfenster angezeigt. Dokumente werden mit Ausschnitten verlinkt, auf deren Basis die Empfehlung entstand.
- Modell- und Policy-Versionen:
- Der Assistent zeigt Modell- und Policy-Versionen prominent. Wenn Auswertungsfenster oder Validierungen ablaufen, wechselt der Assistent in einen eingeschränkten Modus, bis eine Freigabe erneuert wurde.
- Protokoll, nicht Plauderei:
- Alle Agentenaktionen werden im selben Auditstrom erfasst wie menschliche Eingriffe – mit Gründen, Parametern, Antworten. Das UI erlaubt die gemeinsame Durchsicht (“Warum wurde Befehl X freigegeben?”).
Wir setzen dafür intern ein Observability- und Governance-Pattern ein, das Agent-Tool-Aufrufe, Policy-Entscheidungen und Operator-Freigaben in einer einheitlichen Zeitleiste abbildet. Der UI-Aspekt ist entscheidend: Nur was sichtbar, filterbar, erklärbar ist, wird im Betrieb akzeptiert.
7) Konkretes Beispiel: Störungsdiagnose in einer Verpackungslinie
Ausgangslage: Eine Hochgeschwindigkeits-Verpackungslinie zeigt sporadische Ausschuss-Spitzen. Sensorik: Vibrationen, Stromaufnahmen, Kameras an mehreren Stationen. Ein KI-Modell erkennt Muster, die auf beginnende Lagerprobleme hindeuten, und schlägt Taktanpassungen und Wartungsfenster vor. Der Betrieb läuft on-premise; Netzwerk ist segmentiert; Tablets im Feld, Leitstand im Kontrollraum.
So würde das UI aussehen:
- Startansicht “Liniensicht”:
- Oben eine klare Statusleiste: Linie A, Modus: Automatik; KI-Unterstützung: aktiv; letzte Synchronisation: vor 12 s; Latenz: 38 ms.
- Links ein priorisiertes Alarmfeld, das ähnlichen Lärm bündelt (“Vibration Station 3 und 4 korreliert; mögliche Ursache: Lagerabnutzung; Priorität: hoch”).
- Mitte eine Timeline mit Produktionskennzahlen und Markern für Ereignisse. Beim Zoomen wechselt die Auflösung automatisch; wichtige Ausschläge bleiben sichtbar.
- Drilldown “Station 3”:
- Oben die Top-3-Hypothesen mit Evidenz: “Lagerschaden (0,72) – steigende Vibration 450–500 Hz, Temperaturtrend +2°C/10min; Unwucht (0,21) – unsicher; Sensorfehler (0,07) – unwahrscheinlich”.
- Ein Panel “KI-Aktionsplan (3 Schritte)”: 1) Takt -10% für 30 min; 2) Kameraaufnahmen in Slow-Mo für 5 min; 3) Wartungsfenster in Schichtpause vorbereiten. Jeder Schritt mit Parameter, erwarteter Auswirkung und benötigter Freigabe.
- Buttons: “Plan prüfen”, “Parameter anpassen”, “Ablehnen (Grund wählen)”.
- Freigabedialog:
- Zeigt Interlocks (“Sicher: Temperatur < 60°C; Not-Aus frei; keine laufenden Wartungen”), Auswirkung (“Durchsatz -10%; erwartete Ausschussquote -65%”), betroffene KPI.
- Zweistufige Bestätigung mit Grund bei Abweichung von der Empfehlung.