9) Konkreter 90-Tage-Plan vom POC zur Produktion
- Tage 0–10: Problem scharf schneiden. Zielmetrik, Risikoanalyse, Prozess-Map, Dateninventur. Data Contracts für 1–2 Datenprodukte definieren. Sicherheits- und Souveränitäts-Constraints festschreiben.
- Tage 11–30: Thin-slice Architektur aufsetzen. Ingest-Pipeline, Feature-/Vektorspeicher, lokales Modell, Policy-/Observability-Layer. Synthetic minimal viable dataset erstellen, erste Offline-Evaluierung.
- Tage 31–60: Shadow-Prod im echten Prozess. Telemetrie sammeln, Drift-/Fehleranalyse, Data Quality hardenen. Businessregeln und Fallback implementieren. Kosten-/Latenzprofil stabilisieren.
- Tage 61–90: Assisted-Mode live mit klaren SLOs. Incident-Playbooks, Audit-Exports, Regressionssuche vor jedem Rollout. Entscheidung über Ausweitung oder Abbruch anhand harter Metriken.
10) Was wir in Industrieprojekten immer instrumentieren
- Prompt-/Kontext-/Tool-Use-Logging mit Korrelation zu Modell- und Datenversion.
- Policy-Checks vor Ausführung: PII-Filter, Kostenbudgets, Tool-Guardrails, Content-Filter.
- Replay-fähige Sandboxes für Root-Cause-Analysen und A/B-Tests.
- Drift-Detektoren (Statistik + Heuristiken) und automatische Alarme.
- Signierte Artefakte und exportierbare Audit-Pakete.
Diese Schicht ist nicht „Bloat“, sondern der Unterschied zwischen einem hübschen Demo und einer verantwortbaren Produktionsanwendung. Ohne sie bekommen Sie keine Souveränität – weder technisch noch organisatorisch.
FAQ
1) Können wir nicht schneller starten, indem wir ein großes US-Modell per API nutzen?
- Für interne, unkritische Experimente: ja. Für Prozesse mit IP/PII/Regulatorik: nur, wenn Sie Datenabflüsse, Auditierbarkeit und Haftung wasserdicht klären. Bauen Sie Portabilität ein: Retrieval, Vektorstore, Tooling und Policies in Ihrer Domäne; das Modell ist austauschbar.
2) Wie rechtfertigen wir den Mehraufwand für On-Prem und Observability?
- Rechnen Sie in Unit Economics: Was kostet eine verlässliche Entscheidung inklusive Betrieb? Ohne Observability steigen MTTR und Betriebsrisiko. Ausfälle in Produktion kosten ein Vielfaches dessen, was Telemetrie und Policy-Engine im Aufbau kosten.
3) Brauchen wir wirklich ein „Datenprodukt“-Denken, wir haben doch ein Data Warehouse?
- Ein Warehouse ist ein Speicher. Ein Datenprodukt ist ein vertraglich definiertes, versioniertes, betreutes Interface mit klarer Qualität und Zuständigkeit. Nur damit können Teams unabhängig und doch verlässlich bauen.
4) Wie gehen wir mit Modell-Drift im Feld um?
- Operationalisieren Sie Drift wie Incidents: Detektion, Priorisierung, Playbook, Hotfix (z. B. Regel/Prompt), Root Cause (Datenquelle/Feature), nachhaltige Korrektur (Retraining). Ohne Replay- und Sandbox-Fähigkeit bleibt es Trial-and-Error.
5) Was ist ein realistisch „kleiner“ erster Use Case?
- Ein Ende-zu-Ende-Slice, der in 90 Tagen vollständige Wertkette zeigt: z. B. Dokumentenretrieval für drei häufige SOPs mit On-Prem-LLM, oder Defekterkennung für einen klar begrenzten Stationstyp. Wichtig: klare SLOs, Fallback, Telemetrie – kein „Tech-Demo“.
Schluss
Wer KI ernsthaft produktiv machen will, muss zwei unbequeme Wahrheiten akzeptieren: Erstens, Modelle sind nicht der Anfang, sondern das Ergebnis einer sauberen Problem- und Datenarbeit. Zweitens, Souveränität ist kein Kostenfaktor, sondern die Voraussetzung dafür, dass Wert überhaupt nachhaltig entsteht. Wenn Sie Ihre Architektur auf Datenhoheit, Beobachtbarkeit und Produktionsreife ausrichten, reduziert sich die Komplexität – nicht, weil die Welt einfacher wird, sondern weil Sie die richtigen Komplexitäten bewusst managen.
Wenn Sie verifizierte Studien für einzelne Thesen im DACH-Kontext einbinden möchten, liefern Sie mir bitte 2–3 Quellen, die Sie bevorzugen (z. B. Verbandsumfragen, Fraunhofer-/Bitkom-Reports, EU-Aufsichtsbehörden). Ich integriere diese dann gezielt an den passenden Stellen.